2014 feierte der Barmstedter Männer-Turnverein sein 150-jähriges Jubiläum. Eineinhalb Jahrhunderte hat der Verein seit seiner Gründung im Jahre 1864 in und für Barmstedt eine tragende Rolle gespielt. Er ist untrennbar mit den Geschicken der Stadt verbunden und hat zugleich das Auf und Ab der Geschichte und die Veränderungen der Gesellschaft in großem Maßstab miterlebt.

Der geschichtliche Hintergrund der Gründung

So liegen auch die Wurzeln des Vereins in der politischen Konstellation der 1860er Jahre. Viele deutsche Turnvereine wurden in dieser Zeit gegründet. Das erste deutsche Jugend- und Turnfest in Coburg 1860 hatte mit dem Ziel des Zusammenschlusses aller Deutschen in einem Staat die national gesinnte Turnerschaft angesprochen und eine Welle der Vereinsgründungen ausgelöst. Neben dem Wunsch, Körper und Geist durch regelmäßig betriebene Leibesübungen zu ertüchtigen und Geselligkeit im Kreise Gleichgesinnter zu erleben, spielten Heimatliebe und der Wille zur deutschen Einheit eine große Rolle als Wegbereiter der Vereinsgründungen.

BMTV Turner mit Turnlehrer Sparwasser 1893

BMTV-Turner mit Turnlehrer Sparwasser 1893

 

Die Turnvereine waren vor allem politisch motiviert und bildeten von vaterländischen Idealen und Hoffnungen geprägte Gesinnungsgemeinschaften. Seit 1848 hatten die Turner immer wieder die Einheit Deutschlands gefordert.
Gerade in Schleswig-Holstein, das bis 1866 unter dänischer Herrschaft stand, die schon Jahrhunderte währte, war der Wunsch nach einem einzigen deutschen Staate ausgeprägt, viele national Gesinnte wollten die Zugehörigkeit zu Dänemark nicht länger hinnehmen.

‚Körper und Geist durch regelmäßig betriebene Leibesübungen zu ertüchtigen und
Geselligkeit im Kreise Gleichgesinnter‘

Die Lösung der schleswig-holsteinischen Frage wurde ihnen immer mehr zur Aufgabe und zu einer Sache der Ehre. Die Vereinsgründung auch in Barmstedt war also entschieden politisch motiviert, durchaus antidänisch – und so nahm man auch nur echte Patrioten auf.
Den Dänen waren diese Bestrebungen verständlicherweise ein Dorn im Auge. So verboten sie auch das Mitführen einer Fahne in den Landesfarben blau, weiß und rot in Coburg. Kein Wunder, dass dies erst recht für Widerstand sorgte und man in der Folge sehr aktiv und erfolgreich für die Turnsache warb. Die vor 1866 gegründeten holsteinischen Vereine gehörten dem Turnverband Niedersachsen an, wohl um Repressionen der Dänen zu entgehen.
Im „2. Statistischen Jahrbuch der Turnvereine Deutschlands“ von 1864 wird Barmstedt als Flecken mit 2095 Einwohnern beschrieben. Der junge Verein zählte 49 Mitglieder und 28 Turnfreunde.

Die Vereinsfahne aus dem Gründungsjahr 1864

Die Vereinsfahne aus dem Gründungsjahr 1864

 

Die Mitglieder wurden akribisch nach Berufsarten unterschieden: 37 Handwerker, 6 Gelehrte und 6 Kaufleute usw. Zu den aktiven Turnern zählten lediglich sechs im Alter von 14 bis 20 Jahren sowie 15 ältere. Dazu kamen jedoch 50 Turnschüler. Pro Halbjahr fanden sich die Turner zu 52 Übungsstunden zusammen, die durchschnittliche Teilnehmerzahl lag im Winter bei 8, im Sommer bei 14.
Weinhändler Sparwasser betätigte sich als Turnlehrer für die Knaben, die ihn wegen seines Bartes „Vater Jahn“ nannten. Bemerkenswerte Turner und Riegenführer der damals bestehenden drei Riegen waren der Maler Querling, der Zimmerer Gülk und der Lehrer Wanner. Geturnt wurde im Winter auf dem Saal des Lokals „Zum Weißen Rößl“.
Auf dem Dachboden ebendieser Gastwirtschaft fand man auch viele Jahre später die erste Fahne des Vereins, die durch die eingestickte Inschrift erst belegte, dass der BMTV schon 1864 bestanden hatte, denn ein Gründungsprotokoll war nicht erhalten und der Eintrag im „Statistischen Jahrbuch“ wurde erst im Jahre 1955 wiederentdeckt. Lange war man von einer Gründung im Jahre 1881 ausgegangen. Noch 1931 feierte man das 50-jährige Bestehen des Vereins.

Die Fahne trägt auf der Vorderseite folgende Inschrift : „Die Kraft dem Vaterlande – Die Jungfrauen dem Barmstedter Turnverein 1864“. Auf der Rückseite ist zu lesen: „Gut Heil“ sowie das vierfache „F“.

Mit der erfolgreichen Angliederung Schleswig-Holsteins an Preußen und der Gründung des Deutschen Reiches erlahmte nach und nach das Interesse der patriotischen Mitglieder, sodass der Vereins sich nach wenigen Jahren des Bestehens um 1869 zunächst wieder auflöste.
Im September 1881 kam es schließlich zur Neugründung des Barmstedter Männer-Turnvereins.
Die drei Schlachter Hermann Andresen, Johannes Mohr und Otto Saß gaben den Anstoß zu der Gründungsversammlung im Lokal „Englischer Garten“, zu der 25 junge Männer erschienen. Ihr Ziel war es, Leibesübungen in geregelter Weise zu betreiben.

‚Die Kraft dem Vaterlande –
Die Jungfrauen dem Barmstedter Turnverein 1864‘

Insgesamt nennt das Kassenbuch des Jahres 38 aktive Turner, die sich unter der Leitung von Lehrer Meyer, der als Turnwart fungierte, im Saal des „Englischen Gartens“ an eigens gebauten Geräten – ein Reck, ein hölzerner Barren und „ein wahres Monstrum von Pferd“ – in der Turnkunst übten. 1886 zog man in den Saal des Hotels „Stadt Hamburg“ um.

Die Turner Gewe Eifels und Dürkop 1885

Die Turner Heinrich Gewe, Ernst Eifels und
Heinrich Dürkop im Jahre 1885

 

Grundlagen für die Entwicklung körperlicher Beweglichkeit, Geschicklichkeit und Kraft.
Neben dem Turnen wurden auch das Singen und das Wandern gepflegt. Die Sängerabteilung „Gut Heil“ des Barmstedter Männer-Turnvereins bestand etwa von 1883 bis 1890. Unter dem Dirigenten Johann Averhoff trainierten die Turner auch eifrig ihre Stimmbänder. Dieser engagierte Kreis war auch der Urheber der beliebten Turnermaskeraden. Später wurde die gesangliche Tätigkeit im Verein eingestellt. Ihre Mitglieder halfen stattdessen, die „Barmstedter Liedertafel von 1845“ mit Leben zu erfüllen.
1890 wurde auch eine neue Vereinsfahne angeschafft, die dem BMTV bei Festen vorangetragen wurde.